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Alfred Lenz L201

Studenzen, eine ungefähr 700 Einwohner*innen zählende ehemalige Gemeinde im Bezirk Südoststeiermark, ca. 30 km östlich von Graz, liegt an der Landstraße 201, über die heute der Großteil des Berufs-und Schnellverkehrs – täglich ca. 22.000 Autos und Lkws – führt.

Unmittelbar an dieser Straße liegt auf Nr. 99 das in den 1970er-Jahren den Bedürfnissen der Familie entsprechend gebaute Heimathaus von Alfred Lenz. Ein kleines Nebengebäude, ursprünglich vom Vater, einem Kleintierzüchter, als Vogelzuchthaus errichtet, wandelte der auf dem Gebiet der Elektronik, Physik und Mechanik kenntnisreiche Künstler 2007 nach dessen Tod gemeinsam mit Christian F. Schiller zu einem Tonstudio um. An diesem Ort der experimentellen Klanggestaltung entstehen fragile, in komplexer und doch einfacher Durchstrukturiertheit kinetische Soundskulpturen, die ihn als vibrierenden, sich erweiternden Raum öffnen. Das gegenüberlie-gende, an die Garage des Hauses angeschlossene landwirtschaftliche Lagerzelt neben dem Studio errichtete Lenz 2017, um ein größeres Kunstproduktionsfeld für sich und andere zu schaffen.

Dieser sukzessiven Erweiterung des Möglichkeitsraums folgt nun das Projekt L201:

Der bislang nicht als solcher wahrgenommene Ein- und Ausfahrtsraum auf die Landstraße in der Größe von 28 m² wird zum öffentlichen Raum hin geöffnet. Das nicht Beachtete, nicht Reflektierte, Orte, die nicht einmal als unbedeutend, weil nicht gesehen oder als solche erkannt werden, Übergänge interessieren Alfred Lenz. Eine leichte, mit Rollen mobil ausgestattete, semitrans-parente dreiflügelige Struktur stellt eine Verbindung zwischen dem Innen und Außen her. Diese die Grenzen von Architektur, Design, Nutzobjekt und Kunst überschreitende und in ihrer Konstruktion möglichst reduzierte Skulptur verunklärt bewusst jede Trennung von Privatem und Öffentlichem, Kunst und Leben und befragt sie gleichzeitig. Als durchlässige Kulisse erschließt sie sich als Kunst-raum, Bühne, Theater oder Oper, fungiert als Erlebnishorizont für von Lenz eingeladene Künstler*innen aller Sparten im Dialog mit der unmittelbaren Umgebung. Alles kann für ihn immer mehreres sein, wird der Eindeutigkeit entzogen, um den Charakter des Vorläufigen und Wandelbaren als Idee des Möglichen in der ihr angedachten Vorschlagsidentität zu öffnen.

Als anthropologischer Ort, ausgezeichnet durch seine Geschichte und Identität, konfrontiert sich diese Fläche mit der Thematik des geschichtslosen Nicht-Ortes, einem Begriff, der auf Michel de Serto und Marc Augé zurückgeht, angestoßen von Michel Foucaults Definition der Heterotopien, Orten für Menschen in Extremsitu-ationen. Der hier gewählte relationale Ort mit eingeschriebener Familiengeschichte wird mittels der Neuschaffung des dynamischen Zwischenorts mit dem monofunktional genutzten Straßenraum in Verbindung gebracht.

Die seit dem 19. Jahrhundert etablierten Normen der neutralen und die Umgebung ausblendenden Kunstpräsentation in eigens eingerichteten Salons, Galerien, Museen sprengend, will Alfred Lenz

Präsentationsform, Rezeption und den Kunstbegriff selbst ausloten, ausweiten. Dabei hinterfragt er nicht nur kunstimmanente, sondern auch wirtschafts- und gesellschaftspolitische Systeme.

Mit seiner Arbeit, die als Fenster durchlässig wird, als Einfassung Struktur verleiht, schafft er ein neues Gefäß, um Umgebung ihrer bisherigen Zuschreibung zu entheben, Verbindungen herzustellen, mithilfe des gesetzten Environments Teilnahme zu wecken. Es geht ihm, wie grundsätzlich in seiner Arbeit, um eine unmittelbare Verbundenheit mit allem Vorhandenen. Dabei wird die Umgebung zum Material der Kunst und als Mitakteur der gezeigten Werke involviert.

Dabei stellt das Haus und dessen Umgebung für Lenz „selbst ein Kunstwerk als reale, sich ständig verändernde Struktur an einem durch unser Gesellschaftssystem geprägten Ort“ dar.

Anstatt Umgebung auszublenden, eine Mauer zum Schutz vor Lärm und dem Geschehen im Außenraum zu errichten, geht Alfred Lenz also mit seiner Umgebung um, bezieht sie ein und öffnet damit einen weiteren Diskurs darüber, was Kunst sein, wie sie wahrgenommen und reflektiert werden kann. So werden auch in diesem Projekt sowohl inhaltliche als auch technische und ausführungserweiternde Querschnittsmaterien ausgelotet und erschlossen, vorhandene Strukturen befragt sowie aktuelle Fragen gemeinsamen oder differenzierten Bewusstseins des Zusammenlebens und gesellschaftlicher Relevanz künstlerisch auf mehreren vielschichtigen Ebenen aufgeworfen.

Alfred Lenz L201

Studenzen, a former community of around 700 inhabitants in the district of Southeast Styria, approximately 30 km east of Graz, is located along Landstrasse 201 (State Road 201), which today carries the majority of commuter and express traffic—around 22,000 cars and trucks every day.

Directly on this road at No. 99 stands Alfred Lenz’s home, which was built in the 1970s to meet the needs of the family. Knowledgeable in the fields of electronics, physics and mechanics, the artist, together with Christian F. Schiller, converted a small outbuilding—originally erected by his father, an animal breeder, as a bird breeding house—into a recording studio in 2007 after his death. At this experimental sound design site, fragile, kinetic sound sculptures, thoroughly structured in a complex, yet simple manner, emerge, making it a vibrating, expanding space. Lenz set up the agricultural storage tent opposite the house next to the studio in 2017 to create a larger art production area for himself and others.

This successive expansion of the space of possibilities is now followed by the L201 project:

Previously not perceived as such, the 28 m²-large entrance and exit area onto the State Road will be opened towards
the public space. Alfred Lenz is interested in transitions that remain unnoticed, or unreflected, places not even regarded as insignificant, since they are not seen or recognized as such. A light, semi-transparent, three-wing structure fitted with rollers creates a connection between the inside and the outside. Transcending the boundaries of architecture, design, utility and art, and as reduced as possible in its construction, this sculpture deliberately obscures any separation of the private and public realm, of art and life, and questions them at the same time. As a permeable backdrop, it becomes accessible as an art space, stage, theater or opera, acts as an experiential horizon for artists from all disciplines invited by Lenz in dialogue with the immediate surroundings. Every object can always be several things for him, stripped of unambiguity, to open the character of the provisional and transformable as a notion of the possible in the proposed identity envisaged in it.

As an anthropological location, distinguished by its history and identity, this area confronts the theme of the ahistorical non-place, a term that goes back to Michel de Serto and Marc Augé, initiated by Michel Foucault’s definition of heterotopias, places for people in extreme situations. The relational place with an inscribed family history chosen here is brought into connection with the monofunctionally used street space by newly creating the dynamic intermediate place.

Breaking the norms of neutral art presentation established since the 19 th century in specially furnished salons, galleries and museums, Alfred Lenz himself wants to explore and expand the form of presentation, reception and the concept of art. In doing so, he questions not only systems inherent in art, but also economic and socio-political systems.

For Lenz, the house and its surroundings represent “a work of art itself as a real, constantly changing structure in a place shaped by our social system.”

Instead of fading out the surroundings, erecting a wall to protect against noise and what is happening outside, Alfred Lenz deals with his environs, incorporates them and thus opens a further discourse about what art can be, how it can be perceived and reflected. In this project, content-related, technical and implementation-expanding cross-sectional materials are explored and developed, existing structures are challenged and current questions of common or differentiated awareness of coexistence and social relevance are artistically raised on several multilayered levels.

L201


Der Kunstraum L201 befindet sich in Studenzen, in der Gemeinde Kirchberg an der Raab, in der Südoststeiermark.
Er steht in der Einfahrt eines Einfamilienhauses und bildet die Grenze zur stark frequentierten Landesstrasse 201.
Durch seine offene Struktur bleibt die Umgebung sichbar und hörbar und wird Teil der gezeigten Arbeiten.
Im  Jahr 2021 wird dieser Ort mehrmals von KünstlerInnen in kontextueller Weise bespielt.


Die erste Ausstellung mit dem Titel "Neun Sonnen" findet am 24.Juni 2021 um 15:00 statt.
beteiligte KünstlerInnen:                                
Peter Pilz & Freddie Jellinek

Vasilena Gankovska
Marc Michael Moser
Christian F. Schiller
Alfredo Barsuglia
Anne Glassner
Marit Wolters
Zweintopf


Die nächste Präsentation, welche in Kooperation mit dem Festival "Hochsommer" stattfindet,
zeigt eine neu entwickelte Arbeit der wiener Künstlerin Barbis Ruder.
Die performative Installation ist betitelt mit "A - ein Dreikörper Problem"
und findet am 6. und 7. August 2021 jeweils von 15:00 bis 20:00 statt.
 


Im Herbst  präsentieren wir eine für den Ort entwickelte Videoarbeit des in Wien lebenden Küntslers Michael Heindl.
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Spannung zwischen sozialen
und geschlechtlichen Rollenzuteilungen.
Heavens Devils Afternoons
ist am 7. und 8. Oktober jeweils von 15:00 bis 20:00 zu sehen.

 

 

 

 


mit freundlicher Unterstützung von: